ZEICHEN UNSERER ZEIT: 2. Internationale Woche der Semiotik

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Ziel der Woche der Semiotik ist es, die Öffentlichkeit über den Nutzen semiotischer Analysen zu informieren sowie den Studierenden unseres Masters „Angewandte Kulturwissenschaft und Kultursemiotik“ (Universität Potsdam) Kontakt zu Expert*innen aus der Praxis und der Wissenschaft zu eröffnen. Es handelt sich um ein innovatives und in Deutschland einzigartiges Masterprogramm mit dezidiertem Anwendungsbezug.

In Diskussionsrunden und Workshops werden die Zeichensysteme beleuchtet, mit denen gesellschaftliche Wirklichkeiten hergestellt werden. Studierende und Expert*innen aus der Kultursemiotik befassen sich mit der Problematik von Fake-News, dem politischen Potential des Comics, suchen nach wertfreien, virtuellen und interaktiven Präsentationsformen kultureller Objekte in der Museumspraxis und fragen, wie Werbestrategien der Produktinszenierung für eine nachhaltigere Lebensweise eingesetzt werden können.

Marketing im Wandel: Kann Werbung das Kaufverhalten verändern? (08.02.2021)

Der nachhaltige Einfluss von Werbung und Branding auf die Konsumenten wird seit Ende der 1950 Jahre analysiert. Die popularisierten Ergebnisse hatten einerseits zur Folge, dass sich bei Konsumentinnen und Konsumenten eine Werbeskepsis einstellte, andererseits, dass im Marketing neue Werbestrategien entwickelt wurden, die u.a. im Neuromarketing kulminieren. Die Modelle und Methoden der Semiotik waren dabei von Beginn an führend und sie sind es noch heute, sowohl im Hinblick auf die Werbeanalyse als auch im Hinblick auf die Weiterentwicklung wirksamer Werbestrategien. Diese Doppelrolle der Semiotik ist Ausgangspunkt unserer Fragstellung, nämlich, wie durch Marketing und Werbung ein gezieltes Umdenken erwirkt werden kann. Skepsis und die Forderungen nach ökologisch-ökonomisch sinnvollen Produkten setzen Firmen und Marketing längst unter Druck. Mit Haltungskampagnen verschaffen sich Unternehmen zunehmend ein (mehr oder weniger überzeugendes) positives Image. Mit Praxisexpertinnen und -experten, Semiotikerinnen und Semiotikern und Studierenden wird in Online-Workshops und Diskussionsrunden analysiert, wie sich diese Entwicklung gesamtgesellschaftlich nutzen und optimieren lässt.

Museen der Zukunft: Realitäten und Virtualitäten (09.02.2021)

Ausstellungsobjekte gehören per se zur Spitze der Kulturpyramide. Sie sind Stellvertreter der Errungenschaften einer Nation, Zeugnisse ihres Selbstbewusstseins und ihres Selbstbildes. Letzteres wird nach wie vor überwiegend aus der Perspektive einer etwaigen Überlegenheit über andere Kulturen generiert. Die Inszenierung der Objekte spielt dabei eine entscheidende Rolle. Sie begründet sich heute auf dem Vermittlungsanspruch des Museums als Institution, das Geschichten mit Objekten erzählt, die ohne die museale Rahmung kaum eine Aussagekraft besäßen. Die Präsentation von Ausstellungsobjekten, insbesondere denjenigen anderer kultureller Provenienz, ist dadurch in jüngster Zeit zunehmend in Kritik geraten. Museen müssen umdenken: Sie suchen nach Möglichkeiten multiperspektivischer Darstellung, um Vorwürfen der Geschichtsverzerrung, des Rassismus, der Vermittlung musealer Trugbilder oder der Kulturhegemonie zu entgehen. D.h. angestrebt wird die Sichtbarmachung der Vieldeutigkeit von Objekten und ihrer Kontexte, ergo unterschiedlicher Realitäten und Perspektivierungen. Dass diese Präsentation der Objekte auch mit virtuellen Formaten erfolgt, ist nichts Neues. Seit der Coronapandemie ist die Nutzung virtueller Darstellungsmöglichkeiten sowie die virtuelle Objektpräsentation jedoch ins Zentrum der Aufmerksamkeit musealer Präsentationsformen gerückt. Die von Studierenden in diesem Kontext erarbeiteten Modelle sollen mit Museumsexpertinnen und -experten, Kuratorinnen und Kuratoren und Semiotikerinnen und Semiotikern diskutiert werden. Ein längerfristiges Projekt in Kooperation mit dem Haus der Brandenburg-Preußischen Geschichte ist in Arbeit. Erste Entwürfe werden im Rahmen des Schwerpunkts vorgestellt und diskutiert. Primäres Anliegen ist es dabei, insbesondere die bewusste Wahrnehmung der mit der musealen Ausstellung eines Objekts verbundenen epistemisch-diskursiven sowie materiell-technischen Kontexte zu fördern, da diese ein Objekt überhaupt erst zum Zeichen kultureller Kontexte werden lassen, deren Bedeutung/en es zu erschließen und zu diskutieren gilt.

Alles Fake? Medien, Populismus und Proteste (10.02.2021)

Die sogenannten „Fake News“ waren bereits 2017 Kandidat für das Unwort des Jahres, das jährlich von der TU Darmstadt gekürt wird, um für die problematischen Implikationen so mancher viraler Begriffe zu sensibilisieren. Auch 2020 ist der Ausdruck, nicht zuletzt durch den inflationären Gebrauch seitens des US-Präsidenten noch immer in aller Munde. Ob im Kontext von Asyl-Politik, Klima-Anliegen oder Corona-Maßnahmen, das Label „Fake News“ wird in sozialen Netzwerken quasi im Sekundentakt vergeben und verbreitet. Verschwörungstheoretiker*innen finden online zusammen, organisieren sich aber auch offline – wie zuletzt bei den sogenannten Hygiene-Demos gegen die Corona-Maßnahmen. Wie Verschwörungstheorien funktionieren, was sie so attraktiv macht, wieso sie in den von ihnen als „Mainstream“ gelabelten Medien ein prädestiniertes Feindbild finden – all diese Fragen sollen in unterschiedlichen Formaten und vor allem aus unterschiedlichen Perspektiven erörtert werden. Der Dialog zwischen Semiotik, Kommunikationswissenschaft und journalistischer Praxis ermöglicht die umfassende Auseinandersetzung mit einem grassierenden anti-demokratischen Phänomen, dem nicht nur theoretisch, sondern natürlich auch praktisch entgegengewirkt werden muss. Insofern dient der von Dennis Pesch durchgeführte Workshop zum Thema Symbolik der Querdenker-Proteste der Sensibilisierung der Studierendenschaft und interessierten Hörerschaft: Wie erkenne ich, ob eine Nachricht echt ist? Umgekehrt können die Studierenden in ihren semiotischen Modellanalysen ein Bewusstsein dafür schaffen, wie in Verschwörungstheorien Metaphern eingesetzt werden, welche rhetorischen Kniffe beherrscht und welche ästhetischen Vorlieben bedient werden Auch hier ergeben sich aus der Theorie konkrete Fragen für die gesellschaftliche Praxis. Diskutiert werden könnten etwa folgende Aspekte: Können Metaphern mit neuer Bedeutung aufgeladen werden? (Wie) lassen sich Framing-Theorien demokratie-fördernd einsetzen? Wie können politische Gifs entlarvt werden, die in schlagkräftiger Bilddichte Aussagen verbreiten und dabei auf populär verbreitete und beliebte Figuren und Motive zurückgreifen, die subtil mit rechtsextremen Ideologien verknüpft werden? Bedarf es eines linken Populismus? Die gesellschaftliche Relevanz und aktuelle Brisanz des Themas verlangt nach fundierter Auseinandersetzung: Journalist*innen, Kommunikationswissenschaftler*innen, Studierende und andere Interessierte sind Multiplikator*innen, die die erworbenen Erkenntnisse und Ideen weitertragen und didaktisch aufbereiten können.

Kritisch, komisch, kommunikativ: Zum politischen Potential des Comics (11.02.2021)

Dass Comics aus etymologischen Gründen noch immer primär mit dem Komischen assoziiert werden, ändert nichts daran, dass sie sich auch gut für die ernsthafte Auseinandersetzung mit brisanten Themen eignen. Comics (unserer und vergangener Tage) verhandeln Traumata, enttabuisieren Krankheiten, dokumentieren Kriege, analysieren politische Randgruppen, mobilisieren für Umweltschutz und Diversity. Diese Liste ließe sich weiterführen. Die Komplexität der Auseinandersetzungen ist nicht zuletzt auf das Zusammenspiel der beiden Zeichensysteme (Text und Bild) zurückzuführen, mit denen vielschichtige Zeichengefüge konstruiert werden können. Dass Comics sich durch die Unmittelbarkeit der visuellen Ebene auch als Vermittlungsinstanzen eignen, haben mittlerweile diverse Akteure (Schuldidaktik, Museen, Bildungsarbeit) für sich entdeckt: Das Genre der Sachcomics floriert.

In zwei Workshops soll in die Comicanalyse eingeführt und am Beispiel politischer bzw. feministischer Comics vorgeführt werden, mit welchen Kunstgriffen das Medium Wissen und Meinung vermittelt. Gezeigt wird nicht nur, wie mit dem Medium Comic kommuniziert, erklärt und argumentiert werden kann, sondern es entstehen zahlreiche Synergie-Effekte: Eine Comiclesung und eine Diskussionsrunde mit Autor*innen, Wissenschaftler*innen und Kultur-Schaffenden verbinden die unmittelbare Medien-Erfahrung, die anschließende Medien-Analyse und die Debatte über die (mit Hilfe der Comics transportierten) politischen Inhalte. Das Comic-affine Publikum wird an die Semiotik herangeführt, die Semiotiker*innen lernen ein per definitionem Zeichen potenzierendes Medium näher kennen.

Die Macht der Dinge: Zur Aura von Requisiten (12.02.2021)

Gegenstände jeder Art können zum Zeichen werden, wenn sie als Symbol für einen Sinnzusammenhang eingesetzt werden. Die Mitglieder einer Gemeinschaft müssen die mit ihm verbundenen Sinnaufladungen kennen, um die konkrete Bedeutung eines Gegenstands entschlüsseln und einordnen zu können. Diese kann funktionell, religiös-magisch, ideologisch-politisch oder imaginativ-phantastisch sein. Das filmische Universum hält eine Vielzahl von solch bedeutsamen Gegenständen bereit, deren Werdegängen es sich nachzuspüren lohnt: Sie treten als Protagonisten einer filmischen Handlung auf und können berühmt wie ein Schauspieler werden; sie können das filmische Universum aufgrund der ihnen zugeordneten Sinnhaftigkeit und/oder Berühmtheit auch verlassen, verkauft, nachgebildet und in einer Fangemeinde gehypt werden, und sie sind Anlass einer komplexen filmischen Intertextualität, die ein breites Filmwissen bei ihren Rezipientinnen und Rezipienten voraussetzt und en passant neue Filmgenres hervorbringt. Diese Dinge helfen nicht nur, eine Geschichte zu erzählen, sie haben unabhängig davon auch selbst ihre eigene „persönliche“ Geschichte und ihr Eigenleben. Dieser (Be)deutungsspannbreite der Dinge im Film, ihrer Aura und Macht, die sie in kollektiven und individuellen Sinnbildungs- und Identitätsbildungsprozessen ausüben, wird aus semiotischer Perspektive nachgegangen.

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