Hydra’s Nachtexpress: Bar, Bordell und Bordstein – Eine Zeitschrift zwischen Selbstermächtigung und Stigmatisierung

Der Essay entstand im Rahmen des Seminars
„Das Unsichtbare schreiben“

„(…) wir haben das Café nach dieser eigentümlichen Schlange benannt, weil ihr Kampfgeist und ihre Widerstandskraft uns imponiert.“ (Hydra 1980, S.2)

Mit diesen Worten begründeten die Gründerinnen des Berliner Projekts Hydra die Wahl ihres Namens. Schon in dieser symbolischen Setzung liegt eine programmatische Botschaft. Die Hydra der Mythologie, die mit jedem abgeschlagenen Kopf nur stärker wird, steht für Widerstandskraft, Vielstimmigkeit und Unbesiegbarkeit. Genau dies wollte das Projekt verkörpern: ein Raum, in dem Frauen in der Prostitution nicht länger als Opfer oder Randfiguren gelten, sondern sich selbstbewusst organisieren, vernetzen und sichtbar machen. Aus diesem Projekt heraus entstand ab 1980 die Zeitschrift Hydra’s Nachtexpress: Bar, Bordell und Bordstein, geschrieben von und für Prostituierte. Sie war mehr als nur eine Informationsplattform, sie fungierte als eine Form feministischer Gegenöffentlichkeit, die Stimmen hörbar machte, die im gesellschaftlichen Diskurs sonst weitestgehend ausgeblendet blieben und bleiben. Sie war ein Versuch, die eigene, unsichtbare Position sichtbar zu schreiben. Dieser Essay soll folgend zeigen, wie Hydra im Spannungsfeld von Stigma und Selbstermächtigung agierte, wie sich dies in den Inhalten und der Sprache des Magazins niederschlug, welche Konflikte es auslöste, und warum die Zeitschrift auch heute, über vier Jahrzehnte später, eine erstaunliche Aktualität besitzt.

Historischer Kontext der Prostitutionspolitik in Deutschland

Zum Verständnis von der politischen Relevanz von Hydra‘s Nachtexpress ist es relevant, den historischen Kontext im Blick zu behalten. Nach 1945 war die deutsche Prostitutionspolitik zunächst stark konservativ ausgerichtet. Im Rahmen dieser Politik wurde Prostitution als „sittenwiedrige Tätigkeit“ (Euchner 2015, S.13) angesehen, jedoch nicht direkt verboten. Daraus ergab sich die prekäre Situation, dass Prostituierte zum einen steuerpflichtig waren, zum anderen aber ihre Löhne nicht einklagen konnten. Darüber hinaus waren sie nicht im Sozialversicherungssystem eingeschlossen, wodurch ihnen Renten- und Krankenversicherungen verwehrt blieben (ebd., S.14).

Zusätzlich schränkten Sperrbezirke und Werbeverbote ihre Arbeit weiter ein (vgl. ebd.). Diese rechtliche Ausgrenzung verband sich mit gesellschaftlicher Stigmatisierung. 1965 wurde Prostitution durch das Bundesverwaltungsgericht zur „gemeinschaftsschädlichen Tätigkeit“ erklärt, was sie auf die gleiche Stufe wie Berufsverbrecher stellte und die gesellschaftliche Stigmatisierung weiter verstärkte (ebd.). Nach Stallberg (1988) sei diese Stigmatisierung eine Folge dessen, dass Prostituierte nicht den bürgerlichen Normvorstellung entsprechen. Er kategorisiert Prostituierte, genau wie „Behinderte, Drogenabhängige, Obdachlose“, als Randgruppe und „Form sozialer Normabweichung“ (Stallberg 1988, S.7–8).

Während in den 1970er Jahren mit der Abschaffung des Kuppelei-Tatbesttandes eine leichte Liberalisierung begann, rückte der Gesundheitsschutz von Prostituierten erst im Zuge der AIDS-Debatte in den 1980er Jahren in den Fokus (vgl. Euchner 2015, S.17). Projekte wie Hydra forderten schon früh eine rechtliche Absicherung und gesellschaftliche Anerkennung, wurden jedoch lange Zeit ignoriert. Erst 2001 gelang es mit dem Prostitutionsgesetz, die Sittenwidrigkeit aufzuheben und den Schutz von Sexarbeiter:innen sozialrechtlich zu verankern (vgl. ebd.). Hydra war hier ein wichtiger Akteur: „Hydra ist das älteste autonome Prostituiertenprojekt der Prostituiertenbewegung in der Bundesrepublik Deutschland“, und initiierte und organisierte 1985 den in Berlin stattfindenden 1. Nationalen „Hurenkongreß“ (Leopold 1997, S.117). Auch wenn die Zeitschrift EMMA spöttisch anmerkte, dass die „Speerspitze der Hurenbewegung“ zeitweise nur elf Mitglieder gehabt hat (EMMA 2014). Ott (2013) konstatiert, dass Prostitution bis heute oft tabuisiert und als „Feld des Anderen und Anormalen“ konstruiert werde (Ott 2013, S.147). Sie erscheine als „etwas moralisch Verwerfliches, etwas Schmutziges, etwas das im Dunkeln geschieht“ (Pates/Schmidt, zit. in Ott 2013, S.147).

Zudem wird im Zusammenhang mit Sexarbeit oft auf kriminelle Verhaltensweisen, wie sexuelle Ausbeutung und Menschenhandel, verwiesen (vgl. Radewald 2024). Vor diesem Hintergrund war die Gründung von Hydra und die Publikation des Nachtexpress ein radikaler Akt. Er bedeutete: Wir sprechen selbst über unsere Arbeit, unsere Rechte und unsere Körper.

Entstehung und Zielsetzung des Hydra-Projekts

Hydra entstand 1979/80 als Berliner Treffpunkt- und Unterstützungsprojekt. Aus der Arbeit von Gesundheitsamt-Mitarbeiter:innen und Prostituierten entwickelte sich ein Verein, der sich die Aufhebung der rechtlichen und gesellschaftlichen Diskriminierung von Prostituierten zum Ziel setzte (vgl. Leopold 1997, S.117f.). Neben öffentlichen Auftritten auf Kongressen und Tagungen war die Publikation des Nachtexpress eines der wichtigsten Mittel, die eigenen Positionen öffentlich zu machen und die „Hurenbewegung“ zu vermitteln. (vgl. ebd., S.117) Weitere Aufgaben des Vereins umfassen die Beratung und Unterstützung von Frauen, die aus der Prostitution aussteigen oder damit beginnen wollten.

Um Prostituierten das Projekt näher zu bringen, „führen die Mitarbeiterinnen regelmäßig Streetwork durch. Prostituierte werden an ihren Arbeitsplätzen besucht und über das Projekt informiert und bei anfallenden Sachfragen an Ort und Stelle beraten.“ (ebd., S.117f.) Sobald sich Prostituierte für den Ausstieg aus ihrem Beruf entscheiden, können sie im Rahmen von Hydra’s Ausstiegsprogramm einen Arbeitsplatz und finanzielle Förderung erhalten, neben einer psychosozialen Betreuung (vgl. ebd. S.118).

„Arm aber aktiv“ - Sprache, Semiotik und Gegenöffentlichkeit

Die symbolische Bedeutung des Namens Hydra ist zentral. Die mehrköpfige Schlange der griechischen Mythologie gilt als unbesiegbar, schlägt man ihr einen Kopf ab, wachsen zwei neue nach. Für die Redaktion war dies Sinnbild ihrer Widerstandskraft. Auf der Titelseite heißt es programmatisch:

„Kennen Sie Hydra? IST UNABHÄNGIG, PARTEIISCH, UNMORALISCH, BEKOMMT KEIN GELD VOM STAAT. HAT EIN SPENDENKONTO. IST ARM ABER AKTIV. HILFT SICH SELBST.“ (Hydra 1980, S.1).

Die Begriffe „unmoralisch“ und „parteiisch“ verweisen dabei bewusst auf die eigene Randposition und auf den politischen Anspruch, diesen Status offensiv zu vertreten.

Der Nachtexpress bediente sich generell einer bewusst ungeschönten Sprache. Begriffe wie „Bordsteinschwalben“ oder „Salonmiezen“ wurden ironisch aufgegriffen und umgedeutet, um mit Stigmata zu brechen (vgl. ebd.). Damit brach Hydra mit der gängigen medialen Darstellung, die Prostituierte als Opfer oder Gefahr inszenierte (vgl. Ott 2013, S.147). Die Ästhetik erinnert stark an Zines der linken Szene; Collagen, Illustrationen und provokative Schlagzeilen. Dieses bricolagehafte Layout war nicht nur Stilmittel, sondern Ausdruck einer politischen Praxis und einer feministischen Gegenöffentlichkeit, die abseits von bürgerlichen Normen entstand. Das Sentiment der Kollektivität wird stets betont, ebenso die Gegenwehr, beispielsweise gegen Diskriminierung, Polizei und Anwohner. Dennoch verfallen die Artikel selten in einen düsteren Ton, stattdessen wird eher die Lebensfreude betont und auf Spaßgruppen, Feste, und Events im Café verwiesen. Auch die Illustrationen brechen Ernstes mit spielerischen Mitteln. Die Zeitschrift konstruiert Sexarbeiter:innen nicht als Opfer, sondern als handelnde Subjekte, die eigene Räume schaffen, politische Gegenstimmen organisieren und sich gegenseitig stärken. Sie erscheinen als solidarische Gemeinschaft, die Professionalität und Selbstbestimmung betont.

Nancy Fraser beschreibt subalterne Gegenöffentlichkeiten als „parallel discursive arenas where members of subordinated social groups invent and circulate counterdiscourses“ (Fraser 1990, S.67). Diese hätten eine doppelte Funktion, sie seien Rückzugsräume zur Entwicklung eigener Deutungsmuster und Ausgangspunkte für Interventionen in die dominante Öffentlichkeit (ebd., S.68). Der Nachtexpress war genau das. Einerseits schuf er einen Raum für Sexarbeiter:innen, um sich über Rechte, Arbeitsbedingungen oder Diskriminierung auszutauschen. Andererseits griff er in öffentliche Debatten ein, etwa durch den 1. Hurenkongress 1985 oder die Lobbyarbeit für das Prostitutionsgesetz 2001 (vgl. Leopold 1997, S.117). Damit war der Nachtexpress nicht nur ein internes Medium, sondern ein politisches Instrument.

Inhaltliche Fallbeispiele

Straßenprostitution

Ein anschauliches Beispiel für die Arbeitsweise und Vermittlung des Nachtexpress liefert der Bericht „Straßenprostitution – Aussterben eines Berufszweigs?“ von einer Autorin namens Carola. Der Text zeigt, wie die Zeitschrift persönliche Erfahrungen mit struktureller Gesellschaftskritik verbindet und dadurch eine Gegenöffentlichkeit im Sinne Nancy Frasers schafft.

Carola beginnt ihren Beitrag mit einer nüchternen Beschreibung der Arbeitsbedingungen auf dem Straßenstrich. Sie betont, dass selbstständige Straßenprostitution für viele Frauen die einzige Möglichkeit sei, ohne Zuhälterzwang oder Bordellabhängigkeit zu arbeiten. Doch diese Autonomie werde systematisch bedroht, nicht nur durch Polizeikontrollen, sondern auch durch die ständige Gefahr, von Anwohner:innen und Politik verdrängt zu werden. (vgl. Hydra 1980, S. 11)

Im weiteren Verlauf richtet Carola den Blick auf die Doppelmoral staatlicher und gesellschaftlicher Politik, und redet in direkter Sprache: „Nein, Prostitution ist, glaube ich, erwünscht, wenn die Frau durch Zuhälter und Staat ausgebeutet werden kann.“ (ebd.).

Sobald Sexarbeiterinnen jedoch eigenständig und solidarisch handelten, werde ihnen diese Möglichkeit entzogen. Damit entlarvt sie die Widersprüchlichkeit einer Gesellschaft, die Sexarbeit toleriert, solange sie profitabel für andere ist, aber kriminalisiert, sobald sie Selbstbestimmung ermöglicht. So wirft sie der Bundesregierung auch vor, Demokratie nur selektiv zu gewähren: „Rechte haben wir keine aber Pflichten sollen wir haben. Demokratie ist nur für die biederen Bürger. Wie lange werden wir noch untersolchen Bedingungen arbeiten können?“ (ebd.)

Semiotisch interessant ist, dass Carola den Straßenstrich nicht als Randphänomen, sondern als Berufszweig beschreibt. Der Titel selbst – „Aussterben eines Berufszweigs?“ signalisiert eine bewusste Umdeutung, da Prostitution nicht als Abweichung, sondern als Teil der Arbeitswelt verstanden wird. Indem die Autorin diesen Begriff wählt, rückt sie Sexarbeit in die Nähe von anderen, gesellschaftlich anerkannten Tätigkeiten und macht so deutlich, dass es auch hier um Arbeitsrechte, Berufsschutz und Selbstbestimmung geht.

Carolas Bericht zeigt exemplarisch, wie Hydra individuelle Erfahrungen nutzt, um strukturell zu kritisieren und Einblick in neue Perspektiven zu ermöglichen.

Migration

Auch migrantische Perspektiven wurden früh sichtbar gemacht. In einer anderen Ausgabe richtete sich Hydra direkt an ausländische Prostituierte mit einem Text auf Spanisch und Englisch: „Sisters, let’s be honest: we all came to Germany for the same reason, namely to earn the money we need […] So let us fight together to reach our goal – because in unity there is strength!” (Hydra 1981, S.8). Die Realität war, dass fast 50 % der Berliner Prostituierten in den 1990ern Migrantinnen waren, besonders viele Thailänderinnen (vgl. Leopold 1997, S.90). Sie arbeiteten oft unter prekären Bedingungen und waren von Gewalt bedroht (vgl. ebd., S.95). Hydra reagierte mit Aufklärung, Beratung und Solidaritätsaufrufen. Schon hier zeigt sich ein intersektionales Denken, das erst später in der Geschlechterforschung dominanter wurde (vgl. Tünte 2017, S.3f.). In aktuellen Diskursen wird dieses Thema unter dem Gesichtspunkt der Intersektionalität diskutiert, also der Analyse von Ungleichheitslagen an der Schnittstelle verschiedener sozialer Kategorien wie Klasse, Geschlecht, Ethnie oder Sexualität:

„Dies kann etwa bei Migrantinnen der Fall sein, die illegal in der Sexbranche unter sehr schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen tätig sind. Angesichts der hohen Anteile von Frauen in dieser Branche geraten überdies männliche oder transsexuelle Prostituierte tendenziell aus dem Blick, sodass dieser Bereich bisher noch unterforscht ist.“ (Tünte 2017, S. 3f.)

Die Schnittstelle mit Migration war für Prostituierte bereits stets sehr präsent, da Migration auch einen hohen Einfluss auf die Prostitutionsregulierung hatte: „Nationale Strategien der Prostitutionsregulierung sind nicht zuletzt in Reaktion auf Migrationsprozesse und Menschenhandel in internationale Regulationsbemühungen eingebunden.“ (Brink 2024, S.13)

Transsexualität

Eine weitere Besonderheit des Nachtexpress war die aufklärerische Thematisierung von Transsexualität. In dem Beitrag „Transsexuell – was is’n das?“ schildert die trans* Frau mascha [sic!] autobiografisch: „Soweit meine erinnerung zurückreicht, lebe ich in dem bewußtsein, weiblichen geschlechts zu sein, und alle anders gerichteten erziehungsversuche konnten hieran nichts ändern“ (Hydra 1983, S.7). Auffallend ist dabei die klare, direkte und zugleich humorvolle Sprache der Autorin, etwa, wenn sie von einem „Kunstfehler“ der Natur spricht (vgl. ebd.). Gleichzeitig betont sie ihre Selbstdefinition als Frau und beschreibt den langen Prozess, Anerkennung in der Gesellschaft zu erlangen.

In dem darauffolgenden Artikel wird deutlich, dass viele trans* Frauen aufgrund von Diskriminierung, eingeschränkten Jobchancen oder praktischen Hürden, wie falsche Ausweispapiere, in die Prostitution gedrängt wurden: „Wenn nun eine Transsexuelle nicht scharf darauf ist, […] dem Boss oder Personalchef die ganze Problematik zu erklären, bleibt nur Schwarzarbeit […] oder anschaffen“ (ebd., S.10).

Ein weiterer Artikel der gleichen Ausgabe reflektiert auch die interne Debatte bei Hydra, ob transsexuelle Frauen gleichberechtigt Teil der Organisation sein sollten. Die Entscheidung fiel demokratisch: „Wir Prostis haben eine nach unserem Dafürhalten richtige Entscheidung getroffen. Per Abstimmung wurde entschieden, transsexuelle Prostituierte in unsere Organisation aufzunehmen“ (ebd., S.12). Gleichzeitig wird die Ablehnung thematisiert, auch innerhalb des Vereins gab es Gegenwind: „Die Reaktion darauf seitens der Stammeltern war genau dieselbe wie bei einer ‚abartigen‘ Minderjährigen, die geschwängert oder mit der grünen Minna nach Hause kommt: Du bist nicht mehr unsere Tochter“ (ebd., S.13).

Somit werden auch die Spaltungen innerhalb der Frauenbewegung kritisiert, in der Transsexualität häufig als unvereinbar mit feministischen Räumen betrachtet wurde. Statt Ausgrenzung zu praktizieren, betont Hydra die Solidarität auf Grundlage gemeinsamer Diskriminierungserfahrungen: „Denn wir, als bereits diskriminierte Randgruppe der Gesellschaft, halten es für falsch, selbst wiederum eine Minorität auszugrenzen, die […] schon von daher zu einem Randgruppendasein verurteilt ist“ (ebd., S.14). Die Sprache ist dabei kollektivistisch, solidarisch und politisch argumentierend; deutlich wird die Absicht, eine gemeinsame Front gegen gesellschaftliche Stigmatisierung zu bilden. Damit positionierte sich Hydra klar gegen trans-exkludierende Tendenzen, ein Thema, das bis heute relevant bleibt.

Feministische Kontroversen

Hydra bewegte sich stets im Spannungsfeld zwischen Selbstermächtigung und feministischer Kritik. Während Teile der Frauenbewegung, beeinflusst von der Lohn-für-Hausarbeit-Kampagne in den 1970er Jahren, Prostitution als Arbeit begriffen (Schmackpfeffer 1999, S.105), sahen Radikalfeministinnen wie Alice Schwarzer in ihr einen Ausdruck patriarchaler Gewalt: „Prostitution. Zerrspiegel und Endprodukt einer Sexualität, in der es nicht um Liebe geht, sondern um Macht“ (Schwarzer zit. n. Schmackpfeffer 1999, S.110).

Aus dieser sogenannten abolitionistischen Position heraus (vgl. Tünte 2017, S.5), werden Prostituierte nicht nur als Opfer des Patriarchats angesehen, sondern zugleich als Gegnerrinnen der Frauenbewegung, da sie „einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, das Patriarchat aufrechtzuerhalten und damit den Interessen der Frauenbewegung entgegenwirken.“ (Schmackpfeffer 1999, S.107) Demnach könne eine Frau nicht Feministin und zugleich Prostituierte sein.

Für Hydra hatte diese Debatte zur Folge, dass sie von Teilen des Feminismus als „Verräterinnen“ (ebd.) gebrandmarkt wurden. Dieser Konflikt illustriert die Rolle des Vereins als Gegenöffentlichkeit, nicht nur gegenüber der Gesellschaft, sondern auch innerhalb des Feminismus selbst.

Internationale Perspektive

Die schwedische Prostitutionspolitik gilt als Vorreitermodell des abolitionistischen Ansatzes, die Prostitution mit allen Mitteln abzuschaffen. Schweden führte 1999 das sogenannte „Sex Purchase Law“ ein, das den Kauf, aber nicht den Verkauf von Sex kriminalisierte (vgl. Östergren 2006, S.1). Das Gesetz soll Frauen offiziell schützen, in der Praxis berichten Sexarbeiter:innen jedoch von Verdrängung, Unsicherheit und Stigma: „They feel discriminated against, endangered by the very laws that seek to protect them“ (ebd.).

Durch dieses Gesetz sind Sexarbeiter:innen häufig dazu gezwungen, zu lügen, um Räume zu mieten, oder müssen exorbitante Preise zahlen. Viele werden aus ihren Wohnungen verdrängt oder schlecht von Vermieter:innen behandelt, was viele dazu bringt, auf dem Straßenstrich zu arbeiten (ebd. S.1f.). In dieser Situation verlieren sie die Möglichkeit der Zusammenarbeit und müssen unter Angst und Unsicherheit arbeiten (ebd. S.2). Dies erhöht die Gefahr von Gewalt deutlich:

„Die Gefahr, Opfer von Gewalttaten zu werden, ist für die Frauen auf dem Straßenstrich am größten. Insbesondere in der ungeschützten Arbeitssituation auf Parkplätzen, aber auch auf der Straße, wenn die sonst nebenan stehende Frau unterwegs ist, kann es zu Übergriffen und Gewaltanwendungen gegenüber Prostituierten kommen.“ (Leopold 1997, S.95)

Ein Bericht der NSWP, des Global Network of Sex Work Projects, fasst die Wirkung des schwedischen Modells wie folgt zusammen: „The argument now seems to be that the harder the lives of sex workers in Sweden become, the more sex workers will leave sex work. […] There is absolutely no convincing evidence demonstrating that overall levels of sex work have decreased“ (NSWP 2015, S.4). Dieses Beispiel zeigt, wie verheerend es sein kann, über den Köpfen der Betroffenen hinweg zu entscheiden, ohne ihre Perspektive wahrzunehmen.

Deutschland hingegen gilt trotz Reglementierungen als liberales Modell, in dem Sexarbeit tendenziell als Erwerbsarbeit anerkannt wird (vgl. Brink 2024, S.13). Das Prostitutionsgesetz von 2001 markierte einen Meilenstein in der rechtlichen Anerkennung von Sexarbeit. Dass Hydra an diesem Diskurs beteiligt war, wird selbst von kritischen Stimmen anerkannt (vgl. EMMA 2014).

Fazit und heutige Relevanz

Viele Themen, die Hydra bereits in den 1980ern ansprach, sind heute aktueller denn je, wie Stigmata, intersektionale Diskriminierung, trans-exklusive Debatten und die Frage nach Schutz und Selbstbestimmung. Heute wird Prostitution weiterhin zwischen den Polen „freie Entscheidung“ und „Schutzbedürftigkeit“ verhandelt (Radewald 2024). Hydra zeigt, dass es einen dritten Weg braucht, den der Selbstermächtigung, kollektiven Organisation, und der Anerkennung als Arbeit.

Die Polarisierung zwischen abolitionistischen Ansätzen, die Prostitution abschaffen wollen, und liberalen Ansätzen, die Arbeitsrechte fordern, bleibt bestehen. Hydra’s Nachtexpress hat gezeigt, dass die Perspektiven der Betroffenen selbst unverzichtbar sind. Hydra ließ in den 1980ern erstmals Frauen selbst zu Wort kommen ließ, während zuvor vor allem Polizei und Medizin den Diskurs bestimmten (Kontos 2014, S.185).

Hydra’s Nachtexpress war mehr als eine Zeitschrift, er war ein politisches Medium, das die Perspektiven von Prostituierten sichtbar machte und als subalterne Gegenöffentlichkeit im Sinne Frasers wirkte. Er verband Selbstermächtigung nach innen mit politischer Wirkung nach außen. In Zeiten aktueller Debatten um das Nordische Modell oder das Prostituiertenschutzgesetz ist Hydra ein historisches Beispiel dafür, wie wichtig es ist, die Stimmen von Sexarbeiter:innen ernst zu nehmen, nicht als Opfer oder Bedrohung, sondern als handelnde Subjekte, die ihre Rechte einfordern.

Quellenverzeichnis

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